700.000 Quadratmeter Frühkapitalismus in Odessa

Marschrutka ins Glück: Auf zum 7. Kilometer!

Marschrutka ins Glück: Auf zum 7. Kilometer!

Es war lange still hier, was will man machen. Ich bin aus- und um- und weggezogen und auch sonst hat mich einiges vom Bloggen abgehalten, aber es geht aufwärts.

Morgen (Samstag, 18.06.11, 12:05 Uhr) sendet WDR3 mein Feature „Toltschok oder der 7. Kilometer. 700.000 Quadratmeter Frühkapitalismus in Odessa“ über den größten Freiluftmarktplatz Europas. (Ankündigung mit Hörprobe, Fotogallerie). Weil Odessa Odessa ist und Kostja Beljajew nicht nur ein großer Sänger war, sondern auch ein findiger Geschäftsmann, gibt es in dem Feature auch Musik von ihm. Schließlich ist der 7.Kilometer von heute nichts anderes als die neueste Inkarnation des legendären Odessaer Toltschoks. Der war zu sowjetischen Zeiten der berühmteste Flohmarkt des Landes, existierte aber auch im 19. Jahrhundert. Hier lernte Beljajew einst seinen Produzenten Stas Jeruslanow kennen („Wie kommst Du dazu, meine Aufnahmen zu verkaufen?“ – „Du willst Beljajew sein? Zeig mal Deinen Ausweis!“), hier wechselten neben Tapes und Bändern mit Liedern des echten und diverser falscher Wyssotskijs auch Jeans, Papageien und Led Zeppelin Platten den Besitzer, hier gab es alles, was es eigentlich nicht gab.

Hier ist Beljajew auf dem Höhepunkt seiner anzüglichen Kunst mit „Cholera in Odessa“. Wie der Meister hier Cholera auf Kavalier-(a) reimt, was passiert, als die „Cholera“, die sich, wie’s der Zufall will, sexuell überträgt, auf der Deribasowskaja um sich greift, wie der Staat die Seuche in den Griff bekommt – 2:36 reichen Beljajew.

Kostja Beljajew (li.) und Igor Ehrenburg mit Freundinnen am Strand von Gursuf (1965)

Kostja Beljajew (li.) und Igor Ehrenburg mit Freundinnen am Strand von Gursuf (1965)

Auf Konzerten in den 90er und 00er Jahren erzählte Beljajew häufig von einer unerwartet abenteuerlichen Geschäftsreise nach Odessa. Ehrenburg und Beljajew waren mit seltenen Moskauer Klamotten und Schuhen im Gepäck angereist und hatten in einem Hotel an der Deribasowskaja-Straße ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Als alter Odessit wusste Beljajew genau, wo ein Kleinkrimineller von Format in Odessa abzusteigen hat. Von ihrem Hotelzimmer aus wollten Beljajew und Ehrenburg die Schmotki – die Schwarzmarktklamotten – unter die Leute bringen. Davon allerdings bekam die örtliche Konkurrenz Wind und verlangte einen Anteil am Geschäft. Als Beljajew und Ehrenburg sich weigerten, schickten die offenbar gut vernetzten Gauner den beiden Moskauer Abenteurern die Polizei auf den Hals. Ehrenburg entfloh eilends nach Moskau, Beljajew verbrachte einige Tage bei der Miliz. Schlimmeres konnte verhindert werden, weil auch Beljajew über Verbindungen verfügte. Sein Bruder lebte nach wie vor in Odessa und konnte nicht nur den Sänger, sondern auch die konfiszierten Waren aus den Fängen der Miliz befreien.

Hier noch ein Klassiker aus dem 2. Odessaer Konzert, das Beljajew im Herbst 1976 für Stas Jeruslanow aufnahm. Jeruslanow war mit seinem Tonband extra nach Moskau gereist, und fand den Meister in großer Form. „Вернулся-таки я Одессу“/“Ich bin doch nach Odessa zurückgekehrt“ klingt als sei es uralt und stamme, wie so viele Klassiker, aus den 20er Jahren. In Wahrheit hatte Rudolf Fuks das Lied kurz zuvor für Arkadij Sewernyj geschrieben.

Und hier ist Arkadij Sewernyj im April 1977. Die Aufnahme wurde in Kiew gemacht, Sewernyj war gerade auf dem Weg nach Odessa. Zum ersten Mal im Leben.

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