Odessa Classics: Alik Oschmjanskij

Alik Oschmjanskij, hier mit der „Geschichte des Kachowsker Rabbis“, wurde 1944 in Odessa geboren und absolvierte die berühmte Stoljarski-Musikschule für hochbegabte Kinder, die auch David Oistrach und Emil Gilels besuchten. Später besuchte er das Odessaer Konservatorium, studierte Akkordeon, leitete diverse Ensembles, u.a. das Tulaer Zigeunerensemble und das Ensemble des 2. Odessaer Standesamtes. Wer denkt, dass das keine erstklassige Band gewesen sein kann, der weiß nichts von Odessa und davon, wie wichtig Hochzeiten in dieser Weltgegend seit jeher sind, wie hingebungsvoll sie gefeiert werden und wie wichtig Musik dafür immer schon war.

Odessa war immer voll von hervorragenden Musikern und auf Hochzeiten verdienten viele von ihnen sich einiges dazu. Gespielt wurde dort alles, was gewünscht wurde. Und gewünscht wurden natürlich auch die „Odessaer Chansons“, jene „südlichen“ Lieder von „Gop-so-Smykom“ bis „Murka“, die sogar Stalin mochte.

„Istorija Kachowskogo Ravvina“ (Die Geschichte des Rabbi von Kachowsk“) ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, wie in den Odessaer Gaunerchansons der Mythos des freien, heiteren, halb- oder vollkriminellen Lebens am Schwarzen Meer gefeiert wird. Das Lied handelt von einem Rabbi aus der Kleinstadt Kachowsk und von seiner wunderschönen, sanften Tochter, deren Haut so weiß ist wie neues Porzellan. Schlau ist die Gute auch, und zwar so schlau wie ein ganzer Band des Talmuds. Dann aber kommt die Revolution, und das schwungvolle Mädchen verliebt sich in einen Abgesandten der neuen Moskauer Macht, den Genossen Iwanow. Sie verlässt ihren Vater, den Rabbi, Hals über Kopf – und was tut der? Der Rabbi fällt vom Glauben ab, rasiert sich den Bart, gibt das koschere Essen auf, verlässt sein Haus und widmet sich fortan dem naturgemäß verbotenen Handel mit Brillanten. Wo? In Odessa!

Ein weiterer Klassiker, ebenfalls gesungen von Alik Oschmjanskij: „Schkola balnych tanzew“/“Tanzschule“

Die phantastischen Umstände, unter denen diese legendären Aufnahmen entstanden, hat Oschmjanskij, der seit 1976 in Kalifornien lebt, dem russischen Blatjnak-Experten Maxim Krawtschinskij erzählt. Krawtschinskij hat das Interview in seinem Buch „Verbotene Lieder“ publiziert und im russischen Fernsehen nacherzählt. Die Kurzversion auf Deutsch: In den 60er Jahren gehörte das Odessaer Operettentheater zu den populärsten Bühnen des Landes und gastierte quer durch die Sowjetunion mit großem Erfolg, auch in Moskau. Zu den Solisten gehörte u.a. der große Mischa Wodjanoj, nach dem das Theater heute benannt ist. Nach einem ausverkauften Auftritt in Moskau sitzen die Musiker und Tänzer bei einem Bankett zusammen, nicht irgendwo, sondern im Kreml. Mit am Tisch: Dmitrij Poljanskij, Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU und, wen überrascht’s noch, ein Fan des offiziell verbotenen Odessaer Liedguts. Man ist unter sich, man trinkt, jeder weiß, das alle diese Lieder kennen, also kann man auch darüber reden. Und Poljanskij fragt einen der Odessaer Theaterleiter: „Kennen Sie zufällig jemanden der diese Lieder singt? Ich hätte gern eine Aufnahme. Die alten Sachen, sie wissen schon. Ein Studio kann ich besorgen!“

Ein paar Telefonate später geschieht das unfassbare: Alik Oschmjanskij und seine Band marschieren in ein professionelles Odessaer Studio und nehmen dort eine Nacht lang 22 verbotene Lieder für ein Politbüro-Mitglied auf. Theoretisch hätte es nun eine einzige Kopie von dieser Aufnahme geben sollen – im Privatbesitz des Genossen Poljanskij. Weil aber Odessa Odessa ist und die Toningenieure nicht dumm, zirkulierte das Band Tage später im Odessaer Schwarzmarkt und schon bald in der ganzen Sowjetunion. Nur mit Mühe gelang es Oschmjanskij, seinen wahren Namen aus der Sache rauszuhalten. Das Band machte statt dessen einen Unbekannten berühmt: Alik Farber.

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