Serge Nikolskij – Серж Никольский

Die 60er Jahre waren Jahre des Umbruchs in der sowjetischen Musikwelt. Im staatlich gelenkten Teil dieser Welt ersetzte der Staatskonzern Melodija die vielen kleinen Plattenfirmen, Studios und Distributoren, die bis dahin unabhängig voneinander im Lande operierten. Ab 1964 war Melodija der wohl größte Plattenkonzern der Welt.

Die Bilder stammen von dieser wunderbaren Seite.

Im nichtstaatlichen Teil der sowjetischen Musikwelt gab es ebenfalls große Umwälzungen. Das Tonband ersetzte nach und nach die berühmten „Schallplatten auf Rippen“ als Medium der Wahl. Wladimir Wyssotskij und Arkadij Sewernyj würden die größten Stars der Tonbandära sein. Um einen ihrer Vorgänger an der Wende der 50er Jahre soll es heute gehen: Serge Nikolskij. Nikolskij wurde 1937 als Wsewolod Stepanow geboren. Nach neun Jahren Schule und zwei Jahren Technikum arbeitete Nikolskij als Packer und Ladearbeiter. Und er sang. In einem „Laienkunstensemble“, das allerdings geleitet wurde von einem ehemaligen Musiker aus dem Orchester des großen Leonid Utjosow. Nikolskij sang Lieder der NEP-Zeit, Foxtrotts und Tangos, Zigeuernromanzen, Gulag-Lieder und das, was man in Russland „gorodskie romancy“ nennt: städtische Romanzen. Er war ein gern gesehener Gast in den Studentenclubs der Stadt, später trat er auch regelmäßig als Solist der Band „Swetotsch“ auf einer Open-Air-Bühne in einer Sieldung bei Leningrad auf. Schon seit den 50ern muss Nikolskij mit dem Undergroundproduzenten, Dichter, Verleger und Allroundhelden Boris Taigin bekannt gewesen sein. Taigin war einer der Köpfe des legendären Labels „Goldener Hund“. Viel mehr über ihn, die Geschichte des „Goldenen Hundes“ und über den Leningrader Musikunderground der 40er-80er Jahre findet sich in „Das Regime und die Dandys“. Hier sind die beiden jungen Herren in der Blüte ihrer Jugend, links Nikolskij, rechts Taigin. (Die Photos und die einzigen Verfügbaren Erinnerungen an Nikolskij stammen aus Taigins Archiv bzw. von hier.)

Die Zeiten überdauert haben insgesamt 23 Lieder, die Nikolskij 1959 bzw. 1966 für den „Goldenen Hund“ einspielte. In Russland erschien kurz vor Taigins Tod 2008 eine heute sehr rare CD mit diesen Aufnahmen. Hier der Anfang: Taigin stellt Nikolskij als „Interpret von Zigenuerliedern und Romanzen in Begleitung eines Gitarrentrios“ vor:

Hier ist Nikolskij mit „Ванинский Порт“/“Der Hafen von Wanino“, einem Klassiker des Gulag-Chansons. Im Hafen von Wanino am Stillen Ozean wurden die Gulag-Häftlinge in den 30er-50er Jahren auf ihrer Reise in den Hohen Norden an die Kolyma von Eisenbahnwaggons auf Schiffe verladen. Mehr über das Lied und die heftig umstrittene Frage der Autorschaft hier.

Und hier eins meiner absoluten Lieblingslieder „Nächtliche Laternen“/“Фонарики ночные“ nach einem Gedicht von Gleb Gorbowskij aus dem Jahr 1953.

Arkadij Sewernyj hat das Lied in den 70er Jahren gesungen, weitere 30 Jahre später entstand diese Aufnahme von Garik Osipow. Osipow erzählt hier erst noch eine ganze Weile über Sewernyj, das Lied selbst beginnt nach ca. 2min.

Und hier noch ein Bild des alten Boris Taigin, aufgenommen bei den Dreharbeiten zu einem Film über Sewernyj. Am Ende seines Lebens hatte Taigin dem russischen Fernsehteam noch Folgendes mitzuteilen: „Früher war das Leben interessanter. Es gab mehr Verbote!“ In der Hand hält Taigin übrigens einige originale „Schallplatten auf Rippen“ aus der Produktion des „Goldenen Hundes“. Serge Nikolskij war schon 2001 gestorben. Unvergessen.


PS: Wer einen Tip hat, wie man in WordPress die Absätze formatiert, damit nicht passiert, was hier passiert ist: Danke!

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