Walentina Ponomarjowa/Валентина Пономарева

Man kann natürlich einfach zuhören und zum Beispiel selber weinen. Oder staunen. Oder beschließen, jetzt doch Russisch zu lernen. Auf jeden Fall.

Man kann anhand diesen einen Liedes aber auch weite Teile der Geschichte des russischen Kinos, des Jazz, der russischen Liedkultur, der russischen und sowjetischen Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts überhaupt aufdröseln und beschreiben. Anhand des Liedes und angesichts der Personen, die daran beteiligt waren, es in die Welt zu bringen.

„А напоследок я скажу“/“A naposledok ja skazhu“/“Zum Schluss sage ich“ stammt aus dem Film „Zhestokij Romans“, der auf deutsch „Eine Wolga-Romanze“ hieß. Regie führte Eldar Rjasanow. 1984.

Gesungen wurde das Lied von Walentina Ponomarjowa. Die Internetseite der Ponomarjowa sieht furchtbar aus, aber das ändert nichts daran, dass die 1939 in eine, wie die Wikipedia sagt, russische Zigeunerdynastie geborene Ponomarjowa eine der großen russischen Jazz- und Romanzensängerin der letzten Jahrzehnte ist. Für „А напоследок я скажу“ lieh sie ihre Stimme der jungen Larisa Gusejewa, die mit diesem Film ihre Karriere begann. Die Gusejewa war eine der umwerfendsten Schönheiten der sterbenden Sowjetunion und zu dieser Zeit mit Sergej Kurjochin liiert, auf dessen Konto wiederum nicht nur einige der besten Platten der 80er und 90er Jahre gehen, sondern auch der Beweis dafür, dass Lenin ein Pilz war.

Those were the days. Kurjochin ist lange tot, die Gusejewa moderiert heute eine Eheberatungssendung, Lenin liegt auf dem Roten Platz in seinem Mausoleum.

Den Text für „А напоследок я скажу“ schrieb Bella Achmadulina, die einzige oder jedenfalls berühmteste Frau unter den sowjetischen Beatnikdichtern der 50er und 60er Jahre. Die Musik steuerte der Komponist Andrej Petrow bei, der besorgt dreinschauende Schnurrbart ist Nikita Michalkow, der bis heute die Fäden im Russischen Kino in der Hand hält. Und für die Tränen sorgte Alisa Frejndlich, seit einem halben Jahrhundert eine der großen russischen Schauspielerinnen: Alisa Frejndlich spielte u.a. die weibliche Hauptrolle in Tarkowskijs „Stalker“. Es heißt, die junge Gusejewa sei auch nach mehreren Versuchen nicht in der Lage gewesen, die für die Szene nötigen Tränen zu produzieren. Daraufhin sei Frejndlich zu ihr gegangen und habe gesagt: „Gott, kein Talent!“ Das reichte.

Das alles mögen nur Namen sein, die meisten davon solche, die im Westen kaum jemandem etwas sagen. Aber es lohnt sich, diese Namen zu kennen, diese Biografien, sie umreißen Jahrzehnte, beschreiben einen ganzen Kulturkreis, stoßen Türen auf, die weit zurück in die Vergangenheit reichen. Und sie erinnern an etwas Grundlegendes: Mit der Sowjetunion mag ein Imperium gefallen sein, dem man nicht nachweinen kann. Mit dem Imperium aber fiel eine Hochkultur.


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