Deutsche Welle & Igor Ehrenburg II

Andrej Gorochow, Musikkritiker des Russischen Programms der Deutschen Welle, gleicht für das russische Feuilleton in Sachen Rezensionen über „Das Regime und die Dandys“ zum 2:2 aus. In Wort und Bild hier. Und im Radio:

Zur Feier des Tages aber auch mal wieder etwas Musik.

Bevor er „Мой приятель-студент“/“Mein Kumpel, der Student“ anstimmt, erklärt Garik Osipow seinen Zuhörern am 8. August 2008 im „Gogol“ in Moskau erstmal, wem er und wir das Lied verdanken: „Vor langer Zeit, es kommt einem vor, als sei es auf einem anderen Planeten gewesen, spazierte unter all den andern schrägen Vögeln, Wundertätern, Spekulanten und Romantikern ein Mann namens Igor Innokentjewitsch Ehrenburg durch Moskau. Ehrenburg schrieb eine Reihe von Liedern, die vielleicht noch nicht ganz zu Volksliedern geworden sind, aber in jedem Fall jedem teuer sind, der sich für das spezifische Dandytum jener Jahre begeistern. Eins dieser Lieder hat mein Leben verändert.“

Über Ehrenburgs Leben ist abgesehen von ein paar nackten Fakten so gut wie nichts genaues bekannt. Geboren 1930, aufgewachsen in einer typischen Moskauer Intelligenzija-Familie, gestorben 1989. Mitte der 50er Jahre verbrachte Ehrenburg einige Zeit in einem sibirischen Lager, wegen Tunjeadstwo – Schmarotzertum und Nichtstuerei. Iosif Brodsky wurde ein paar Jahre später wegen desselben Paragraphen verurteilt. Tunjeadstwo war ein Allzweckvorwurf, mit dem der Staat missliebige oder aufmüpfige Bohemians aus dem Verkehr ziehen konnte. Der Paragraph hing wie ein Damoklessschwert über der Kunst- und Musikszene der großen Städte. Wer keine regelmäßige Arbeit hatte, lebte in Chruschtschows und Brezhnews Sowjetunion riskant.

Kostja Beljajew (li), Igor Ehrenburg und zwei unbekannte Verehrerinnen, Krim, Mitte der 60er Jahre.

Zurück in Moskau lebte Ehrenburg als bildender Künstler und Dichter. Berühmt wurden viele seiner Lieder in der Interpretation seines Freundes Kostja Beljajew.

Ehrenburgs größter Gauner-Hit trägt den unverfänglichen Titel „Moj Prijatel‘ Student“ („Mein Kumpel, der Student“). Der ganze Zauber des durchgehend gereimten Textes entfaltet sich naturgemäß nur auf Russisch, aber auch eine schlichte Inhaltsangabe macht klar, welche Art von Humor Beljajew und Ehrenburg schätzen. Das Lied handelt von einem kleinen Ganoven, dessen Freund – der Student – Ausweise jener sowjetischen Behörde fälscht, die mit dem Kampf gegen Korruption und Diebstahl von Volkseigentum befasst ist: OBCHSS – Оtd’el Borby s Chischtschenijami Sozialistitscheskoj Sobstwennosti (Abteilung für den Kampf gegen den Diebstahl von sozialistischem Eigentum). Die Abkürzung OBCHSS war sowjetischen Bürgern ähnlich vertraut wie FBI amerikanischen. Ausgestattet mit dem gefälschten Ausweis begibt sich der lyrische Held schnurstracks zu einem der Manager des GUM. Das GUM ist das berühmteste Kaufhaus in ganz Russland und befindet sich direkt gegenüber vom Kreml. Der Manager hat furchtbare Angst vor einer Kontrolle, weil er seinen privilegierten Zugang zu seltenen Importwaren auf ungesetzliche Weise in bare Münze verwandelt und mit diesem Geld eine Datscha baut. So fällt es unserem Helden nicht schwer, einen schicken finnischen Anzug und andere modische Kleider zu erpressen. Als er dann in den feinen Klamotten auf die Straße tritt, rennen die schönsten Moskauer Mädchen ihm mit offenem Mund hinterher.

Die einzige bekannte Aufnahme von Ehrenburg selbst entstand 1978 in Leningrad – Ehrenburg wird begleitet von Arkadij Sewernyjs Haus- und Hofkapellmeister Sascha Resanow. Bei der Leningrader Session wurden insgesamt 36 Lieder aufgenommen, darunter natürlich auch „Mein Kumpel, der Student“.

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