Kostja Beljajew/Костя Беляев – Ein Odessit in Moskau

Kostja Beljajew (links), 70er Jahre/www.kbelyaev.ru

Im Februar 2009 starb in Moskau ein Mann, der für mich mehr als zehn Jahre lang nicht mehr und nicht weniger war, als Russlands größter lebender Chansonnier. Der Mann heißt Kostja Beljajew, wurde 1934 in Odessa geboren – Odessa, immer wieder Odessa! – und wenn Russland Frankreich wäre, dann wäre er nicht nur in Russland selbst, sondern auch in Deutschland so bekannt wie Serge Gainsbourg. Jedenfalls wäre das nur gerecht.

„Cholera in Odessa“/“Холера“

Es ist der 30. 5. 1976. Der Moskauer Geschäftsmann und Bohemien David Grigorjewitsch Schenderowitsch hat Geburtstag und diesen Geburtstag lässt er ausgiebig feiern. Viele Freunde haben sich in seiner Wohnung eingefunden, der Tisch biegt sich unter Flaschen, Tellern und Schüsseln, die Gläser klingen. Man isst, man trinkt, man scherzt und – man singt. David Schenderowitsch ist zu dieser Zeit nicht nur ein bekannter Bonvivant, sondern auch Musikproduzent. Inoffiziell, natürlich. Zu seinem Geburtstag hat er sich gewünscht, dass Moskaus heißester Sänger bei ihm auftritt. Und der heißt Kostja Beljajew, ist 1976 einundvierzig Jahre alt und liest dem Jubilar zur allgemeinen Erheiterung erstmal ordentlich die Leviten. Beljajew beschimpft seinen Freund als gewissenlosen Geschäftemacher, behauptet, er traue weder seiner Frau noch seinem Hinterteil, habe für das Geld sogar den Sex aufgegeben und überhaupt vergessen, was das Leben schön macht. Und dann singt Beljajew dem Geburtstagskind Schenderowitsch 17 Lieder, die allesamt ausschließlich von eben den Dingen handeln, die das Leben schön und aufregend machen. Wie z.B. tagelang im Hotel „Spartak“ auf der Deribassowskaja-Straße in Odessa festzusitzen, wie beschrieben in dem phänomenal burlesken „Cholera in Odessa“. Alles fängt damit an, dass eine Nutte sich die Cho-lära bei einem Kava-lära, also einem Kavalier geholt hat. Von da an verfährt das Lied nach dem alten Hollywoodprinzip: Am Anfang ein Erdbeben und dann langsam steigern.

David Schenderowitsch, der gesund und munter ist und in Moskau nach wie vor mit Ikonen handelt, ist der Mann oben rechts auf dem Buchcover, der, der ein bisschen aussieht, als wäre er Spocks Assistent auf der Enterprise. Wahrscheinlich denkt er aber nur darüber nach, wem er das superrare, neue Grundig-Tonbandgerät verkaufen kann, auf das er gerade die Hände legen konnte.

David Schenderowitsch, 70er Jahre/Archiv Timofej Larionow

An diesem 30. Mai 1976, auf dem Geburtstag seines Freundes David Schenderowitsch, ist Kostja Beljajew in absoluter Hochform. Seine Stimme klirrt erbarmungslos wenn nötig, dann wieder ist sie schmelzzart und friedlich. Beljajew flucht und zischt, er haucht und quietscht und zum Glück für die Nachwelt hat einer der Party-Gäste ein Tonband eingeschaltet und das Ganze aufgezeichnet. Zum Glück deshalb, weil das resultierende Album zu den Meisterwerken des sowjetischen Undergrounds, ach was sag ich: der sowjetischen Kultur der 60er und 70er Jahre gehört. In den nächsten Tagen mehr von und über Kostja Beljajew – für heute muss ein weiterer Hit aus dem Schenderowitsch-Konzert reichen:

„Дочего же нас бабы довели“/“Was haben die Weiber aus uns gemacht?“

Das Lied endet mit der Frage aller Fragen: „Поменять ли мне гражданку?“/“Soll ich die Bürgerin vielleicht wechseln?“

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