Murka

Der berühmteste aller sowjetischen Kriminalfilme heißt „Mesto wstretschi ismenitj nelsja“, zu gut Deutsch: „Den Treffpunkt darf man nicht ändern“. Der fünfteilige Film wurde 1979 zuerst ausgestrahlt und hat seither alle Ebenen der sowjetischen/russischen Popkultur infiltriert. Umgekehrt war der Film selbst von älteren Schichten russischer Popkultur infiltriert. Als seine Chopin Etude beim Publikum auf Missfallen stößt, fragt Scharapow: „Was soll ich denn spielen?“ – Die Antwort: „Murka“

Als der Film 1979 ausgestrahlt wurde, hatte seit mehr als 50 Jahren niemand mehr „Murka“ auf einer offiziellen Bühne gesungen. Von Fernsehen und Kino ganz zu schweigen. Trotzdem oder gerade deshalb war das Lied schon damals das wohl berühmteste russische Chanson des Jahrhunderts. 

„Murka“ erzählt aus der unklaren Position des kollektiven Wir einer Gangsterbande die Geschichte der Bandenchefin Murka. Die ist eine, wie man annehmen muss, fabelhaft schöne und ebenso verschlagene Frau, die ihre Freunde an einen Agenten der Geheimpolizei verrät. Dabei hätte im Grunde schon ihr Name jedem wachen Gauner eine Warnung sein sollen. Zu katzenhaft verschlagen kommt da in der Mitte des Wortes das gerollte russische R mit dem K zusammen, als dass man der Dame über den Weg hätte trauen sollen. Murka ist ein ungewöhnlicher Name, der im Russischen eher für Katzen, als für Mädchen verwendet wird. Wie es der Zufall will, verbirgt sich hinter dem Namen auch die Abkürzung für die Moskauer Kriminalpolizei: Moskowskij Ugolownyj Rosysk – MUR.

Ob Murka von Anfang an eine Agentin der Geheimpolizei war oder erst später die Fronten gewechselt hat, lässt das Lied offen. Dafür wird die Rache der Gangster in aller Ausführlichkeit geschildert. Das Drama gipfelt in einer der bekanntesten Szenen der russischen Populärkultur und in ihrem berühmtesten Refrain: Der Höchstrangige der noch nicht verhafteten Gangster – Murkas ehemaliger Liebhaber – stellt die Verräterin in einem Restaurant, um sich für immer von ihr zu verabschieden.

Sdrawstwuj, moja Murka/Murka dorogaja/sdrawstwuj, moja Murka, i proschtschaj/Ty saschucherila/wsju nashu malinu,/a teper maslinu poluchaj.

Grüß dich, meine Murka/Murka meine Teure/Grüß dich meine Murka, und verzeih/Du hast uns verpfiffen/unsere ganze Bande/darum nimm die Kugel und byebye.

Im Internet kursieren Dutzende Versionen von „Murka“, das Lied ist in Russland ähnlich populär wie „Take Five“, „Ain’t no Sunshine“ oder „Yesterday“ anderswo.

Auch Arkadij Sewernyj hat „Murka“ natürlich gesungen, mehrfach. Hier eine Aufnahme aus dem Januar 1977. Eine wesentlich schönere Version befindet sich auf dem Album „Musikalisches Feuilleton“ von 1972. Leider noch nicht auf youtube.

PS: Auch „Murka“ entstand aller Wahrscheinlichkeit nach in den 1920er Jahren in Odessa.

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