Leonid Utjosow

Leonid Utjosow (1895-1982) war der größte Entertainer der sowjetischen Geschichte. Schauspieler, Sänger, Conferencier, Bandleader, einer der Väter des frühen sowjetischen Jazz. Und natürlich stammte Utjosow aus Odessa. Seine Karriere begann schon vor den Revolutionen von 1917 und endete erst mit seinem Tod 1982. Berühmt wurde Utjosow in den späten 20er und frühen 30er Jahren durch seine Versionen Odessaer Gaunerchansons und Straßenlieder. Eins der berühmtesten heißt auf Russisch „Bublitschki“, wurde vom großen Jakow Jadow geschrieben und Ende der 30er Jahre in vielen Sprachen zu einem Welthit. Hier in einem Video eine französische Version von Damia und ab ca. 2:00 eine Aufnahme von Leonid Utjosow.

Bublitschki ist das russische Wort für Brezeln oder Bagels. Das Lied führt uns auf den Höhepunkt der NEP-Ära in die Mitte der 20er Jahre. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind groß. Ein sechzehnjähriges Mädchen kämpft im gerade wieder erlaubten privaten Einzelhandel ums Überleben. Ihre Wangen sind eingefallen, ihre Lippen blass, die Augen müde. Doch das Mädchen selbst singt das Lied, und man ahnt, dass die ganze Tragik auch eine geschickte Verkaufspose sein könnte. Sehr perfekt kommt ihre Geschichte von Armut und Elend daher, zu gut sitzen die Tricks und Griffe des moralischen Judos, mit dem das Mädchen die sparsamen Kunden zum Kauf zu bewegen sucht, zu triumphierend stürzt sie sich in den Refrain, der die Passanten buchstäblich anherrscht, die Rubel nun aber wirklich rüberwachsen zu lassen. Aufs schönste reimen sich zu diesem Zweck die russischen Worte рублики, бублики und республики für Rubel, Brezeln und Republik.

Kupite bubliki/Dlja wsej respubliki/Goniti rubliki/Wy poskorej!

Kauft recht viele Brezeln ein/Die Republik soll wohl gedeihn/Her mit dem Rubelschein!/So macht schon, macht!

Auch dieses Lied wanderte in den 30er Jahren auf den Index und konnte nicht mehr öffentlich aufgeführt oder aufgenommen werden. Vergessen wurde es nie.

Irgendwann in den 50er oder 60er Jahren, deutlich nach Stalins Tod, entstand folgendes Fernsehfragment, wahrscheinlich aus einem Film über Utjosow. Die genauen Zusammenhänge sind mir unbekannt, auch das Jahr, in dem der Film gemacht wurde. In jedem Fall sieht man, wie einige Männer zusammensitzen, unter ihnen vorne links Utjosow mit Zigarette. Einer der Männer legt diverse alte Schallplatten aus Utjosows frühen Jahren auf. Als erstes „Bublitschki“, später folgen noch die Klassiker „Limontschiki“ und „Gop-so-smykom“. Utjosow wehrt sich gegen die Lieder, verlangt, man solle doch „anständige“ Lieder spielen. Aber die ganze Gesellschaft amüsiert sich prächtig, kennt die Lieder ganz offensichtlich auch 30 Jahre nach ihrer letzten öffentlichen Aufführung ganz genau.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Leonid Utjosow

  1. Pingback: HR & Aufklärung | Das Regime und die Dandys

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s