Garik Osipow: Dein Foto/Twoja Fotografija

Auf meine Bemerkung, ich hätte gerade ein Buch über Russische Gaunerchansons geschrieben, erzählt mir ein Kölner Künstler gestern Abend von einer magischen Nacht, die er vor einigen Jahren in Bremen verbracht habe. Wir sitzen nach einer Radtour durch den Kölner Süden im Gasthaus Mainzer Hof zusammen. In Bremen, so sagt Herr Schulze, habe er in einer Wohnung bis in den späten Abend hinein Parkett verlegt und dabei Radio gehört. Dann habe es eine Sendung über Odessa und russische Chansons gegeben und er erinnere sich an einen Mann, der Tonbänder in Kühlschränken außer Landes geschmuggelt habe, und an ein Lied über einen Mann, der mit einem Foto in der Hand auf den Meeresboden sinkt.

Das sind die schönen Momente im Leben eines Radiojournalisten.

Ich erzähle, dass ich die Sendung damals geschrieben habe, dass das Buch über Odessa und die Gaunerchansons gerade fertig ist und nächste Woche erscheint. Und ich erzähle, von wem das Lied „Twoja Fotografija“ war: Garik Osipow.

Garik Osipow Herbst 1981, Dubowaja Roschtscha, Saporoschije, Ukraine

Garik Osipow im Herbst 2009 in Moskaus Club Bilingua

Als Radio-DJ, Sänger, Übersetzer, Zeichner, Publizist, Provokateur, Kulturarchäologe, Schriftsteller, Spinner, Plattensammler, Geheimniskrämer und Allroundgenie der Moskauer Gegenkultur hat Osipow in den letzten 20 Jahren mehr als irgend jemand sonst getan, um das Erbe der Alten Meister Sewernyj, Beljajew, Ehrenburg und vieler anderer zu bewahren und zu propagandieren. Seine Radioshow „Transsylvanien beunruhigt“ wies zwischen 1995 und 2001 einer ganzen Generation von Moskauer Jungintellektuellen, Krakeelern, Journalisten, Sängern und Künstlern den Weg.

Heute gibt Osipow alle paar Wochen seine so genannten Kammerkonzerte in Moskauer Clubs, meist monatlich, manchmal noch öfter. Und wenn man Glück hat, singt er auch „Twoja Fotografija“, ein bizarres Liebeslied, das Arkadij Sewernyj Mitte der 70er mehrfach eingesungen hatte. In dem Lied träumt ein morbide gestimmter Mann sein Ertrinken im Meer herbei, beschreibt, wie er langsam auf den Meeresboden sinkt, ein Foto der Geliebten in Händen. Auf dem Meeresboden verlassen ihn nacheinander die Trauer, die Träume und die Ruhe, bis schließlich ein Hai vorbeischwimmt und der Wasserleiche das Foto aus den Händen schnappt. Twoja Fotografija.

Der Mann, der Tonbänder in einem Kühlschrank außer Landes schmuggeln wollte, hieß übrigens Rudolf Fuks und die Bänder waren von Arkadij Sewernyj. Aber das ist eine andere Geschichte.

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