Arkadij Sewernyj – Porutschik Golyzin/Leutnant Golyzin

Jedes Lied, das auf sowjetischen Bühnen oder Schallplatten nicht gesungen werden konnte, war für Arkadij Sewernyj interessant. Und weil der Zensur ziemlich viel missfiel, war Sewernyjs Repertoire bunt. Sewernyj sang Gaunerlieder aus Odessa, Lagerlieder von der Kolyma, Selbstmordlieder nach Texten von Sergej Jessenin, Sauflieder aller Art und nicht zuletzt auch Lieder, die die Monarchie, das zaristische Russland und den Widerstand des Weißen Russlands gegen die Roten Bolschewiki während der Revolution 1917 und im folgenden Bürgerkrieg glorifizierten. Den Bürgerkrieg gewannen die Roten, darum endeten viele Weiße in der Emigration und nahmen ihre Lieder mit. Auch Jahrzehnte nach der Revolution waren diese Lieder nicht vergessen, auch Jahrzehnte nach der Revolution wurden neue Lieder über die Weiße Emigration geschrieben. Eins der bekanntesten besingt das traurige Emigrantenschicksal des braven Leutnants Golyzin. Wie alt das Lied ist und wer es geschrieben hat, ist bis heute heiß umstritten. Klar ist nur, dass die älteste erhaltene Aufnahme im Sommer 1977 von Arkadij Sewernyj in Odessa eingesungen wurde.

Aber das ist nicht das Ende der Geschichte: 1984 produzierte das sowjetische Fernsehen einen Dokumentarfilm über die nachrevolutionäre Emigrationswelle. Die Perestroika hatte noch nicht begonnen, also wurden die Emigranten in dem Film nach allen Regeln der sowjetischen Agitation und Geschichtsschreibung beschimpft. Schaut man sich den Film heute an, so wird jedoch klar, dass das Emigranten-Bashing nur ein Vorwand war, um die schönen alten Schwarz-Weiß-Bilder vom adligen Russland und aus der Emigration einem sowjetischen Millionenpublikum vorzuführen. Vollends klar wird das, wenn plötzlich Arkadij Sewernyj das Lied vom Leutnant Golyzin anstimmen darf. Sewernyj war 1984 schon vier Jahre tot, seine Lieder waren im sowjetischen Radio oder Fernsehen noch nie gespielt worden. Auch jetzt blieb sein Name unerwähnt. Aber singen durfte er. Ausführlich und schön! Dass den Produzenten des Films das Lied gefallen hat, ist unübersehbar. Das Publikum liebte es ohnehin. Hier der Ausschnitt aus „Verschwörung gegen das Land der Sowjets“ von 1984. Das Lied setzt bei ca. 0:30 ein.

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